


Neglect (Vernachlässigung) bezeichnet eine Störung, die durch eine Hirnläsion verursacht wird und dadurch charakterisiert ist, dass Reize aus der kontralateralen (hier: der Hirnschädigung gegenüberliegenden) Raum- und Körperhälfte nicht beachtet werden, sowie einen verminderten Einsatz der Extremitäten dieser Körperhälfte. Der Neglect lässt sich nicht allein durch möglicherweise gleichzeitig bestehende Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder Gesichtsfeldstörungen erklären.
Neglect kann Reize aus allen Sinneskanälen und auch die Motorik betreffen.
Bei visuellem Neglect übersieht der Betroffene beispielsweise Personen, Gegenstände oder Anfangszeilen eines Textes auf der betroffenen Raumhälfte.
Beim auditorischen Neglect reagiert der Betroffene verspätet oder gar nicht auf Stimmen oder Geräusche in der betroffenen Raumhälfte oder zeigt Suchbewegungen nach der Schallquelle nur im nicht betroffenen Raumfeld.
Beim somatosensiblen Neglect reagiert der Betroffene nicht oder verspätet auf Berührungs- oder Schmerzreize in der betroffenen Körperhälfte bzw. ordnet den Schmerz, den er über die intakte sensorische Efferenz wahrnimmt einem anderen Ort am Körper zu.
Beim motorischen Neglect setzt der Betroffene die erhaltenen motorischen Aktivitäten auf der betroffenen Seite nicht oder deutlich weniger ein.
Beim repräsentionalen Neglect kann der Betroffene Bilder oder Räume in seiner Vorstellung auf der betroffenen Raumhälfte, z.B. sein Wohnzimmer oder seinen Stadtteil nur auf der nicht betroffenen Seite beschreiben.
Beim olfaktorischen Neglect, das im Alltag wahrscheinlich nur eine geringe Rolle spielt, werden Gerüche, die über das betroffene Nasenloch angeboten, zum Teil ignoriert.
Der Neglect ist häufig mit anderen Störungsbildern kombiniert. So findet sich fast immer auch eine Störung der Krankheitseinsicht (awareness) und eine Störung der posturalen Balance mit Pusher-Symptomatik sowie Störung der Aufmerksamkeit, der Zeitwahrnehmung und der räumlichen Wahrnehmungsleistungen.
Der Neglect hat erhebliche Auswirkungen für die betroffene Person als auch für deren Umgebung. Es kommt zum Anstoßen an Hindernisse, Personen oder Fahrzeuge werden übersehen. Der Betroffene sucht vergeblich nach Gegenständen, vernachlässigt beim Ankleiden oder bei der Körperpflege die betroffene Körperseite.
Die Orientierung in Räumen oder auf der Straße ist gestört, es treten Schwierigkeiten beim Lesen und Rechnen auf.
Ein Modell für den Neglect und die im Alltag sichtbar werdenden Handicaps ist das Modell der generalisierten Aufmerksamkeitsstörung, wobei beim Neglect die Aufmerksamkeitsprozesse und die Aufmerksamkeitsausrichtung nur in die nicht betroffenen Raumhälften gelenkt werden. Somit wird der Focus der Aufmerksamkeit in einer Raumhälfte konzentriert. Ein weiteres Modell zur Erklärung des Neglects ist eine Störung der Raumorientierung, wobei das egozentrische Koordinatensystem für die Erkennung von Reizen zur gesunden Seite hin verschoben ist. Eine weitere Theorie des Neglect s ist eine Imbalance zwischen den beiden Hirnhälften und einer gestörter Interaktion zwischen hemmenden und erregenden Einflüssen.
Viele therapeutische Ansätze zielen auf ein vermehrtes aktives Hinwenden zur betroffenen Raumhälfte, da bekannt ist, das der Neglect durch Darbietung von Hinweisreizen für kurze Zeit aufgehoben werden kann. Verbesserungen des Neglect s wurden mittels geeigneter vestibulärer Stimulation, optokinetischer Stimulation und propriozeptiver Stimulation der Nackenmuskulatur durch Vibration erreicht.
Stimulationsverfahren sensorischer Afferenzen (dem Zentralnervensystem (ZNS) zuströmende Erregung):
Durch vorübergehende Hinweisreize oder Reizung von Sinneskanälen fand man den Neglect kurzfristig verringert. Dieser Grundgedanke ist Ausgangspunkt für weitere Therapieverfahren, die kurzzeitig Sinneskanäle stimulieren und zu einer Verbesserung von Neglect und Extension führen. Bei der visuellen Exploration werden die Patienten dazu aufgefordert auf Dia- oder Bildschirmdarbietungen diese systematisch nach bestimmten Objekten abzusuchen und so kompensatorische Suchstrategien mit Augen und Kopfbewegungen im betroffenen Halbfeld auszuführen. Neben dem Training des systematischen Suchens werden auch Lese- und Kopieraufgaben verwendet. Neben der optokinetischen Stimulation (das Sehen bewegter Gegenstände betreffend) ist die Nackenmuskelvibration, die Limb-activation (Aktivierung der betroffenen Extremität) und die periphere Magnetstimulation als Therapieverfahren zu nennen, des weiteren das TENS (Elektrostimulation), Prismengläser oder -folien (Verbesserung der optischen Wahrnehmung), Aufmerksamkeitsausrichtung durch Cueingmechanismen sowie die kalorisch-vestibuläre Stimulation (Reizung des Gleichgewichtsorgans).
Neben den Stimulationsverfahren sind motorisch funktionelle Behandlungen sowie alltagsorientierte Therapieansätze im Bereich des Neglect s sinnvoll.
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
© 1997-2011 Neurologische Klinik Westend, Bad Wildungen | Aktualisiert am 26.11.2010 | Seite empfehlen