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Gedächtnisstörungen nach erworbener Hirnschädigung

Nach neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Meningoencephalitis, Sauerstoffmangelzuständen, Hirntumoren oder Schädelhirnverletzungen treten oft Gedächtnisstörungen auf, die zu erheblichen Beeinträchtigungen in der Bewältigung des Alltags führen können.  

Definition

Unter Gedächtnisstörungen (Lern- und Merkfähigkeit) versteht man Schwierigkeiten, sich Informationen und Erlebtes einzuprägen, zu behalten und sich daran wieder zu erinnern. Man spricht dann von Störungen, wenn sich das Gedächtnis durch eine Krankheit wesentlich verschlechtert hat und die Leistungen nicht mehr denen der Altersgruppe entsprechen. Patienten mit Gedächtnisstörungen haben zum Beispiel Schwierigkeiten, sich Namen, Personen, Verabredungen, Termine oder Wege zu merken.  

Man unterscheidet zwischen Kurzzeit-, Langzeit- und Altgedächtnis. Störungen in diesen verschiedenen Bereichen wirken sich im Alltag sehr unterschiedlich aus. Da nicht alle Reize aus der Umwelt gespeichert werden können, findet zunächst teils unbewusst, teils auch bewusst, eine Filterung dieser Reize statt. Danach gelangt der Teil der Informationen, die durch den Filter hindurch gekommen sind, in das Kurzzeitgedächtnis, wo sie für wenige Minuten verbleiben. Erst durch Wiederholen, bewusstes Lernen oder eine starke emotionale Verknüpfung werden Informationen schließlich in das Langzeitgedächtnis übertragen. Dort können sie Minuten bis Jahre verbleiben. Im Altgedächtnis sind Ereignisse vor der Krankheit, die Monate oder gar Jahre zurückliegen, abgelegt. Wichtige Aspekte des Altgedächtnisses sind das biographische Gedächtnis (Kenntnisse der eigenen Lebensgeschichte) sowie allgemeines und fachliches Wissen eines Menschen (z.B. Schul- oder Berufswissen). Treten Störungen des Altgedächtnisses auf, müssen nicht alle alten Erinnerungen betroffen sein. In der Regel sind am stärksten die kürzer zurückliegenden Gedächtnisinhalte beeinträchtigt, Kindheitserinnerungen können dagegen meist gut erinnert werden.  

Häufig sind nach einem Unfall Erinnerungslücken vorhanden, die sich auf den Zeitraum von einigen Minuten, Stunden oder Tagen vor dem Unfallereignis erstrecken. Man spricht in diesen Fällen von einer retrograden Amnesie. Auch nach dem Unfall, insbesondere wenn der Patient längere Zeit ohne Bewusstsein war, setzt das Gedächtnis nicht sofort wieder ein. Der Zeitraum, der nach dem Schädel-Hirn-Trauma nicht erinnert werden kann, wird als anterograde Amnesie bezeichnet. Im Verlauf der Genesung können verloren geglaubte Erinnerungen zurückkommen. In der Regel bleiben jedoch die letzten Sekunden vor einem Unfall sowie die Tage, die der Patient im Koma verbracht hat, unwiederbringlich verloren.  

Gedächtnisstörungen können sich auf einzelne Aspekte beschränken. Bei Sprachstörungen ist auch häufig der Abruf von sprachlichen Informationen (z.B. Namen, Nachrichten), das Verbalgedächtnis, beeinträchtigt. Andere Patienten hingegen können gerade nichtsprachliches Wissen schwer erinnern, wie z.B. Gesichter von Personen oder Wege (Figuralgedächtnis).  

Gedächtnisstörungen können nach diesem Modell mehrere Ursachen haben. Wenn beispielsweise der Filter zuviel oder zuwenig Reize durchlässt, ist die Informationsaufnahme gestört. Wenn die Speicherung in das Langzeitgedächtnis beeinträchtigt ist, verschwinden Gedächtnisinhalte bereits nach wenigen Minuten für immer. Die häufigste Ursache für Gedächtnisstörungen besteht jedoch in der Schwierigkeit, etwas bereits Gelerntes wieder aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen.  

Bei schweren Gedächtnisstörungen kann es sein, dass den Patienten ihr Erinnerungsproblem nicht bewusst ist und sie deshalb Verbesserungen z.B. der Angehörigen als unbegründet erleben. Sie leiden unter einer mangelnden oder gänzlich fehlenden Störungseinsicht. Patienten reagieren dann auf Korrekturen gereizt und Erinnerungslücken können überspielt werden. So kann es z.B. vorkommen, dass der Patient Schwierigkeiten hat, sich die Namen des Pflegepersonals oder der behandelnden Therapeuten zu merken. Anstelle der tatsächlichen Namen werden unbekannten Personen dann häufig Namen von Verwandten oder Arbeitskollegen gegeben.  

Diagnostik

Zunächst sollten organische Beeinträchtigungen der Sinnesorgane wie Schwerhörigkeit und Sehstörungen ausgeschlossen werden. Außerdem ist zu berücksichtigen, durch welche zusätzlichen Störungen Gedächtnisprobleme entstehen können. Dazu zählen Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, des Antriebs, der Sprache und des Verständnisses. Aufgrund der möglichen unterschiedlichen Ursachen von Gedächtnisstörungen ist eine differenzierte Testuntersuchung erforderlich, um festzustellen, welche Bereiche des Gedächtnisses in welchem Ausmaß betroffen sind. Die Untersuchung schafft auch die Voraussetzung, um Therapieangebote genau auf den Patienten abzustimmen und mögliche Verbesserungen während der Behandlung festzuhalten.  

Therapie

Nach neueren Erkenntnissen funktioniert das Gedächtnis nicht wie ein Muskel, der durch häufiges Üben trainiert werden kann. Deshalb ist es nicht sinnvoll, das Gedächtnis durch reines Auswendiglernen und Merkübungen verbessern zu wollen. Dieses könnte zu einer unnötigen zusätzlichen Belastung des Patienten führen und durch ständige Misserfolgserlebnisse eher entmutigen.  

Wenn die Gedächtnisstörungen durch andere Störungen wie z.B. durch eine gestörte Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder ein gestörtes Verständnis bedingt ist, sind diese Funktionen zu behandeln. Handelt es sich im engeren Sinne um eine Gedächtnisstörung, zielt eine sinnvolle Therapie überwiegend darauf ab, die Behinderungen im Alltag und Berufsleben so gering wie möglich zu halten, indem individuell je nach Störungsmuster Ersatzstrategien erlernt und angewendet werden. Als Ersatzstrategie haben sich zum Beispiel das Bilden von Reimen oder das Anknüpfen an Bekanntes erwiesen.  

Zusätzlich können bei leichten Gedächtnisstörungen Lerntechniken vermittelt werden, die den Wiedereinstieg in die Schule oder den Beruf erleichtern. Bei stark ausgeprägten und länger anhaltenden Gedächtnisstörungen liegt der Schwerpunkt der Therapie auf Gedächtnisstützen (Gedächtnisbuch, Terminkalender, Notizbuch, Pager, Handy) und deren Gebrauch im Alltag.  

Bei sehr schweren Gedächtnisstörungen sind diese Strategien manchmal nicht mehr möglich. Hier ist es nötig, die Umwelt an den Patienten anzupassen. Dazu können Schilder und Beschriftungen angebracht werden, die es dem Patienten ermöglichen, sich zu orientieren (z. B. Toilettentür kennzeichnen) und Gegenstände zu finden. Auch ein Kalender oder eine Pinnwand an einem zentralen Ort mit wichtigen aktuellen Informationen wie Verabredungen und Telefonnummern können hilfreich sein.

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